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Siras - heißt weinen - Ein Text von Nina Schöllhorn

Die Geschichte von Siras ist für mich eine recht persönliche. Ich möchte sie daher aus meiner Perspektive erzählen. Dazu muss ich erwähnen, dass ich kein sogenannter Pferdemensch bin. Ich hatte nie in meinem Leben mit Pferden zu tun. Ich bewunderte schon immer aus der Ferne ihre beeindruckende Erscheinung und ihre wunderschönen Bewegungen. Doch zu mehr war es nie gekommen, schließlich war ich auch viel zu beschäftigt mit all den Hunden und Katzen, die meine Hilfe brauchten.

Die Tage während meiner Einsätze im Ausland sind gefüllt mit Arbeit von früh bis spät. Gefüllt mit Tierleid, Schicksalen, harten Entscheidungen, die zu treffen sind. Die einzige Zeit am Tag, die für mich selbst bleibt, sind meist die ausgedehnten Spaziergänge mit meinen eigenen Hunden am Morgen. Dies ist die Zeit in der ich versuche durchzuatmen, Kraft zu tanken. Leider begegnet mir auch dabei des Öfteren ein Hunde- oder Katzenschicksal. Wer sich in solchen Ländern mit offenen Augen bewegt, kommt daran nicht vorbei...

An einem Morgen im Oktober 2011 verlasse ich also in Gheorgheni/Rumänien früh das Hotel, in der Hoffnung keinem armseligen Kettenhund oder ausgesetzten Welpen zu begegnen. Es ist ein eiskalter, nebliger Morgen. Kaum ist die Türe hinter mir ins Schloss gefallen, da erstarre ich. Hufe schlagen auf den Asphalt, in einer sehr unnatürlichen Abfolge. Da sehe ich ihn. Ein Pferd kämpft sich mit völlig abnormalen Bewegungen die Straße entlang. Der Grund dafür sind Beinfesseln, die seine Vorderbeine zusammenschnüren.

Beinfesseln sind leider kein seltener Anblick in Rumänien. Pferde werden häufig irgendwo im Feld abgestellt, natürlich ohne Wasser, die Beinfesseln ermöglichen ihnen nur sehr kleine Schritte und machen ein Entkommen unmöglich. Dies ist nur einer der vielen Aspekte, wie Pferden dort Unrecht getan wird, wie ihre Grundbedürfnisse aufs Gröbste missachtet werden. Normalerweise zeigen sich diese Pferden ergeben und resigniert, sie fügen sich ihrem armseligen Schicksal. Normalerweise...

Doch dieses Pferd ist anders. Es bäumt sich auf. Es rebelliert. Es kämpft für sein Leben, für seine Freiheit. Es flieht vor seinen Peinigern.

Er kann sich nur mit völlig verkrüppelt wirkenden Sätzen fortbewegen. Ein stolzes, elegantes Wesen - gezwungen zu solch schrecklichen Bewegungsabläufen - erniedrigend. Er schwitzt und schnauft, ist völlig außer Atem. Doch er ist schnell. Er hat es eilig.

Ich stehe da, gelähmt von diesem Anblick. Machtlos, entsetzt, wütend. Zu was sind Menschen fähig? Doch was kann ich in solch einer Situation tun? Das Pferd hat einen Besitzer, der es bald finden wird. Es wird ein erfolgloser Fluchtversuch sein.

Ich gehe meine Runde mit den Hunden. Keine Entspannung, kein Durchatmen. Meine Gedanken kreisen nur um dieses Pferd, meine Wut auf die Menschen und meine verdammte Hilflosigkeit. Ich bin einen anderen Weg gelaufen als üblich, ohne zu wissen warum. Ich komme um eine Kurve, da stockt mir der Atem. Am Ende des Weges steht er. Er ist sehr weit gelaufen. Er schaut mir in die Augen. Und mitten ins Herz.

Als ich mich ihm nähere, ist nichts mehr von dem kräftigen, mutigen Tier übrig geblieben. Da steht ein Häufchen Elend, das sich kaum noch auf den Beinen halten kann. Er taumelt, schwitzt und zittert. Er hat sich völlig verausgabt. Erst jetzt erkenne ich, in welch bedenklicher körperlicher Verfassung er ist. Die Beinfesseln schneiden sich tief ins Fleisch, Blut tropft. Das Ganze ist hoch infiziert. Seine Hufe sind in fürchterlichem Zustand, die Eisen völlig fehlerhaft angebracht. Er leidet an Sehnenentzündungen, Muskelverspannungen, weiß nicht wie er stehen soll. Sein ganzer Körper weist Spuren körperlicher Gewalt auf...

Ich bin absolut hilflos, kann das ganze Leid dieses Tieres am eigenen Körper spüren. Ich möchte ihm einfach eine Stütze sein, denn ich weiß nicht was ich sonst tun kann. Ich nehme also seinen schweren, kraftlosen Kopf in die Arme. Da fängt er an zu weinen. Große Tränen laufen aus seinen Augen. Ich habe schon davon gehört, dass Pferde weinen können, doch nie zuvor hatte ich es gesehen. Wir stehen gemeinsam da, irgendwo am Straßenrand, mitten in Rumänien und weinen.


Da bäume auch ich mich auf, genauso wie er es getan hatte. Ich beschließe dieses Pferd zu retten, egal wie. Sein mutiger Kampf gegen die Ungerechtigkeit soll nicht umsonst gewesen sein. Ich möchte mit ihm weiter kämpfen. Doch dies wird alles andere als einfach werden. Einen verletzten Hund kann man einfach so ins Auto laden, doch ein Pferd?

Er soll Siras heißen. Siras bedeutet auf ungarisch weinen.

Ich führte wild entschlossen Telefonate. Schnell stellte sich heraus, dass es sich um ein Zigeunerpferd handelte und die Besitzer in keinster Weise dazu bereit sind ihn einfach abzutreten. Im Gegenteil, sie wollen ihn nach Hause prügeln - schließlich soll er seine verdiente Strafe erhalten. Das Veterinäramt, ein Tierarzt und die Polizei werden hinzugezogen. Sie alle bestätigen den bedenklichen Gesundheitszustand und Siras wird sichergestellt. Zunächst atmen alle Beteiligten auf. Doch ich kann einfach nicht aufatmen, denn schließlich sind wir hier in Rumänien, wo alles etwas anders läuft. Zumindest wird er in einem ordentlichen Stall untergebracht und tiermedizinisch versorgt.

Was folgt ist ein Nervenkrieg der schlimmsten Sorte. Tagelang wird gestritten was nun passieren soll. Drei unabhängige Tierärzte die hinzugezogen werden, schütteln nur den Kopf und sagen: "Der taugt nur noch für die Salami!" Er soll also geschlachtet werden. Ich wehre mich mit Händen und Füssen, versuche zu erklären, dass ich Siras übernehmen will, auch wenn man nicht mehr mit ihm arbeiten kann. Erneutes Kopfschütteln. Gnadenbrot für Pferde - was soll das denn sein?


Schließlich brechen Veterinäramt und Polizei ein, sie müssten das Pferd an die Zigeuner rausgeben, sobald sie die entsprechenden Papiere vorlegen würden. Die entsprechenden Papiere kann man im Nachbardorf für wenige Euro gefälscht erwerben...

Ich stecke ja "nebenbei" mitten in einer Kastrationsaktion. Doch plötzlich geht alles ganz schnell. Wir werden mit Polizeieskorte abgeholt, gerade kann ich noch den Hund zunähen der auf dem OP-Tisch liegt. Die Polizei ist auf unserer Seite, sie hofft wir könnten das Pferd vielleicht freikaufen? Wir müssten uns aber sehr beeilen, denn die Zigeuner sind gekommen und man müsse ihnen das Pferd ansonsten aushändigen.

Was bleibt mir anderes übrig? Mit hämischem Lachen meint der Zigeuner, er hätte auch kein Problem Siras auf der Stelle totzuschlagen, er sei ja zu nichts mehr nütze! So finden wir uns mit denjenigen an einem Tisch wieder, die Siras all dies angetan haben, die sich keiner Schuld bewusst sind und jetzt natürlich die Chance wittern, das große Geschäft mit den dummen Deutschen zu machen.

Am Ende gehört Siras mir.


Doch, was dann folgte war der zweite Nervenkrieg. Geplant war, Siras nach Deutschland zu holen um ihm dort ein Leben in Sicherheit zu ermöglichen. Doch all unsere monatelangen Bemühungen scheiterten an der Bürokratie.

Dank BrunoPet konnte Siras nach Miercurea Ciuc umziehen. Er lebt dort momentan auf dem Tierheimgelände. In wieweit sich eine andere Dauerlösung finden wird, muss sich zeigen. Jedenfalls ist aus ihm ein stolzes, selbstbewusstes Pferd geworden. Er ist zu Kräften gekommen, seine Hufe werden langsam besser - dies ist Tibi, dem Tierheimtierarzt zu verdanken, der sich sehr um ihn bemüht. Leider ist Siras nicht ganz einfach mit anderen Pferden, was durch seine Vergangenheit zu erklären ist, hinzu kommt, dass er Hengst war, bis er zu uns kam.


Siras ist ein richtiges Charakterpferd. Er scheint jetzt in sich selbst zu ruhen. Freut sich über Menschen und ist zu Späßen bereit. Er genießt ganz offensichtlich, sich endlich frei bewegen zu können, den ganzen Tag zu grasen - so wie es der Natur eines Pferdes entspricht. Es hat sich gelohnt, dass er damals beschlossen hat zu kämpfen!

Einige Zeit später finde ich heraus, dass Siras nicht nur weinen bedeutet sondern auch: Der Schrei. Siras Flucht damals war ein Aufschrei gegen all die Ungerechtigkeit, die Pferden in Rumänien angetan wird. Siras wurde dadurch für mich zum Held und zum Botschafter für all die anderen Pferde. Er war stark genug, sich zur Wehr zu setzen. Doch wie viele abertausende sind es nicht?

Mir hat Siras die Augen geöffnet, was die Situation der Pferde in Rumänien angeht. Wer mit etwas wachem Blick dort unterwegs ist, kann dieses Elend kaum ertragen. Es gäbe dort unglaublich viel zu tun und viele Ideen keimen in uns. Wir haben erst mal im Kleinen angefangen.

Für Siras suchen wir jetzt Paten, damit wir seinen Unterhalt finanzieren können. Er braucht für den Winter einen richtigen Stall, Stroh, Heu, Futter. Die Tierarztkosten müssen bezahlt werden. Wir sind dankbar für jede Hilfe.

Ihre Nina Schöllhorn

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Die Kosten für Heu und Stroh betragen pro Monat ca. 50 Euro. Wenn Sie uns bei Siras Verpflegung unterstützen möchten, können Sie dies unter dem Stichwort "Siras" tun.

Spendenkonto:
Freundeskreis Bruno-Pet
Sparkasse Merzig-Wadern
BLZ: 59351040
Konto: 7105208
Verwendungszweck: Siras

ein Sack Heu für Sirasein Sack Heu für Siras
ein Ballen Stroh für Sirasein Ballen Stroh für Sirasein Ballen Stroh für Siras


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