Von Katern und Schüsseln

Der Kater lustwandelte an einem frühen Morgen bereits seit vielen Stunden ohne bestimmtes Ziel in den Gemächern, als er unverhofft einer Schüssel begegnete. Die Schüssel ihrerseits war bereits recht betagt und konnte weder anderen noch sich selbst über den Sinn ihrer Existenz eine Auskunft geben. Dies grämte sie und füllte ihr Herz mit Unzufriedenheit. Zeit ihres Lebens hatte sie den verschiedensten Salaten des Reiches gedient, sie beschützt, umsorgt und vor dem gefürchteten Elend des Welkens bewahrt. Doch nun hatte man sich ihrer entledigt, hatte ihr Senilität und ein unansehnliches Äußeres bescheinigt. Das schmerzte. Der Kater betrachtete sie. Zunächst gelangweilt. Später nachdenklich und mit einem gewissen Ernst. Seine blütenweißen Schnurrhaare, die seit den jüngsten katerlichen Ausflügen ein wenig an Fülle eingebüßt hatten, ließen den Betrachter der Szene ein kurzes wohlwollendes Lächeln erahnen. "Du bist kein nutzloses Ding. Ich werde dir neue Jugend schenken, sofern du dich in meinen Dienst stellst." Seine Worte rührten die Schüssel. Ihre Antwort kam ohne Zögern. Fortan war das einstige Gefäß ein treuer Begleiter des Katers. Wenn ihm der Sinn danach stand, etwas zu schieben - war sie zur Stelle. Beliebte es ihm, Geräusch zu gestalten - war sie zur Stelle. Eine exotische Lauftrainingstechnik der Vorderglieder (der Kater hatte sie einst auf einer seiner Fernreisen von einem Weisen erlernt) - sie assistierte, als sei es schon immer ihre Aufgabe gewesen.
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